My Road to…Finish in Bregenz

Ich nach dem 3-Länder-Marathon im Ziel in Bregenz mit einer Finishermedaille um den Hals

Vielleicht sollte ich erst einmal mit einer Erklärung anfange, warum dieser Beitrag erst gut zwei Wochen nach dem eigentlichen Rennen kommt. Das ist allerdings recht schnell erklärt: am Tag nach dem Marathon war ich unglaublich müde. Zwei Tage danach auch noch genauso wie am dritten Tag. Am vierten Tag habe ich mir meinen Rücken verletzt und wollte daher nicht wirklich vor dem PC sitzen und letzte Woche hatte ich eine Erkältung. Daher gibt es eben erst heute meinen Beitrag zu diesem wirklich tollen Marathon. Zwar nicht mehr ganz brandheiß, aber immerhin 😉

Nachdem ich gelesen hatte, dass die deutsche Marathon-Olympiateilnehmerin Debbie Schöneborn auch beim 3-Länder-Marathon starten würde, war mein Plan für das Rennen eigentlich klar: Ich hefte mich bei ihr an die Fersen, halte mich in ihrem Windschatten und ziehe dann 300 – 400 Meter vor dem Ziel locker und leicht wie eine Gazelle an ihr vorbei über die Ziellinie.

Leider hat mir dann aber die Realität einen ganz dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Zum einen gab es Startblöcke für die Weltklasseathleten und noch zusätzliche Blöcke für den normalsterblichen Rest (ich war im Block 6). Und zum anderen, seien wir mal ehrlich, bin ich alles andere als eine Gazelle 😀 …

Nachdem dann auch mein Startblock 6 zur Startlinie durfte und 15 Minuten nach den Profis bei idealen Wetterbedingungen (~12°C, trocken, kaum Wind) loslaufen konnte, hat es natürlich etwas gedauert meinen Rhythmus zu finden. Für mich war das der erste wirklich größere Marathon mit insgesamt rund 17.000 Teilnehmern und daher war es auch trotz der wirklich sinnvollen Aufteilung in Startblöcke sehr voll und wuselig auf den ersten Kilometern. Da muss man überholen, mal schneller, mal langsamer laufen und kommt nicht wirklich in den eigenen Rhythmus. Was ja auch bei uns Hobbyläufern kein Weltuntergang ist.

Nach einigen Kilometern, ich würde jetzt mal schätzen ab Kilometer fünf oder sechs, wurde das Teilnehmerfeld schließlich etwas dünner und ich konnte ungestörter laufen ohne Zwischensprints oder andere Läufer, die sich vor mir durch das Feld schlängelten. Die ersten Kilometer ging es mehr oder weniger am Ufer des schönen aber auch deutlich wasserärmeren Bodensee entlang nach Bregenz. Dort durften wir am Festspielhaus und der Seebühne vorbei unmittelbar am Ziel vorbeilaufen, um uns klar zu machen, dass noch rund 30 Kilometer fehlen bis wir wieder dorthin zurück kamen.

Nach etlichen Kilometern durch das Bregenzer „Hinterland“ kam dann schließlich der Grenzübergang in die Schweiz, den man an diesem Tag sogar ohne Zollerklärung passieren durfte 😉 Da es dort schon jenseits eines Halbmarathons war, wurden die Beine etwas schwerer obwohl ich noch immer eine recht gute Pace mit ~6:30 halten konnte, auch wenn meine Herzfrequenz schon deutlich nach oben ging. Nach einer Runde durch die Schweizer Stadt St. Margarethen ging es dann auch schon wieder zurück nach Österreich und auf den Weg nach Bregenz…und zu den schwersten Kilometern.

Auch wenn ich dieses Mal wusste wie sich der Körper nach Kilometer 31, 32 anfühlt war es schon auch wieder eine Qual. Die Beine wurden mit jedem Schritt schwerer, die Schmerzen immer größer. Aber, und das war ein großer Unterschied zu meinem ersten Marathon, ich wusste wie es sein würde und wie es weitergeht. Insofern dachte ich mir einfach „du hast dafür trainiert, hart trainiert, um diese Schmerzen spüren zu können und jetzt wo alles weh tut kannst du auch weiterlaufen. Weh tut’s eh schon“. Und siehe da, wenn man das wirklich verinnerlicht läuft man tatsächlich viel ungezwungener durch die Gegend. Insofern habe ich immer noch meine Pace halten können. Und auch wenn mein Ziel von 4:30 nicht mehr ganz realistisch war, war eine Zeit deutlich unter 4:45 noch immer realistisch. Bis Kilometer 36…

Kilometer 36 (+/- ein paar hundert Meter) war nämlich der Moment, an dem ich quasi vom Fegefeuer der Marathonschmerzen in die Hölle kam. Eigentlich hätte ich ein Energiegel nehmen sollen lt. Plan. Doch gerade als ich es nehmen wollte, wurde mir schwindlig. Etwas, das mir bis dahin noch nie passiert war. Ich habe also hin und her überlegt, was ich tun sollte. Kurzfristig war scheinbar die einzige Möglichkeit, mit dem Schwindel klar zu kommen, zu gehen oder langsam zu traben. Je schneller ich gelaufen bin, desto schlimmer wurde es. Aber die Frage war natürlich auch, ob ich das Gel trinken sollte oder nicht. Da ich noch nie in so einer Situation war und ehrlich gesagt Angst hatte, dass es nach dem Gel noch schlimmer werden würde, habe ich mich entschieden das Gel nicht zu trinken. Immerhin hätte ich es auch gehend und trabend immer noch ins Ziel geschafft. Ich höre jetzt schon die erfahrenen Marathonläufer die Hände überm Kopf zusammenschlagen und sagen: „warum hat er nicht einfach das Gel getrunken?!“. Und jap…das wäre wohl besser gewesen. Aber seien wir mal ehrlich: nach 36 Kilometern ist das Gehirn nicht mehr so gut durchblutet wie sonst und man trifft Entscheidungen, die nicht die besten sind.

So ging es also die nächsten Kilometer gehend, trabend, immer wieder probierend zu laufen, langsam vor sich hin mit einer Pace von ~10:00 (mal mehr mal weniger). Meine Zielzeit von 4:30 war damit endgültig Geschichte und es ging nur noch darum irgendwie auf den eigenen Beinen ins Ziel zu kommen. Bis zur nächsten Verpflegungsstation (bei Km 39 oder so). Dort habe ich einen halben Becher abgestandene Cola getrunken…und das war genau das, was meinem Körper gefehlt hat. Genau das, was eigentlich das Gel, das ich bei Km 36 hätte trinken sollen, gemacht hätte. Ein paar Sekunden nach dem letzten Schluck Cola hat also mein Körper in den Turbo geschaltet. Der Schwindel war weg. Und ich bin wieder mit meiner Pace von 6:30 gelaufen. Mit jedem Schritt näher zurück zum Stadion in Bregenz.

Ich habe andere Läufer überholt, mir ging es wieder gut und ich habe die Schmerzen in den Beinen angenommen als ein „Privileg“ der Marathonläufer. Als das Stadion dann in Hörweite gekommen ist und ich es schon fast sehen konnte, kam auch die Gänsehaut. Dieses Gefühl es geschafft zu haben. Dieses Gefühl etwas gemacht zu haben, an das man vor Jahren nicht einmal im Traum gedacht hätte. Dieses Gefühl, dass all das harte Training, all die Schmerzen, all der Verzicht sich gelohnt haben. Und mit diesem Gefühl kam noch einmal ein Turboboost. Mit einer Pace von unter 6:00 (Scheiß auf die Herzfrequenz und das Laktat 😉 ) bin ich dann auf den Parkplatz vorm Stadion eingebogen und ins Stadion gelaufen. die letzte halbe Runde im Stadion war dann ein Flug. Ein Höhenflug. Die Rufe und das Klatschen der Zuschauer, die Anfeuerung des Stadionsprechers und vor allem zu wissen, dass man es geschafft hat, haben mich nochmal Gas geben und „sprinten“ und nach 4:50 über die Ziellinie laufen lassen.

Und dann stand ich schließlich, nachdem ich die Finisher-Medaille bekommen und mich mit Unmengen an Skiwasser versorgt habe, vor dem Stadion. Meine Frau und ich hatten ausgemacht, uns bei den mobilen Duschen zu treffen. Und auch wenn diese quasi in Sichtweite waren, hatte ich absolut keine Ahnung wie ich dorthin kommen sollte. Denn (siehe auch oben) das Gehirn ist sowas von unterversorgt, dass solche scheinbar einfachen Aufgaben alles andere als einfach sind. Schließlich hat mich meine Frau am Stadion abgeholt und wir sind gemeinsam zu den Duschen gegangen. Gegangen ist vielleicht übertrieben. Zumindest in meinem Fall. Es war eher ein Schleichen 😉

Trotz der Probleme ab Kilometer 36 war der 3-Länder Marathon für mich ein wunderbares Erlebnis. Das Wetter war ideal, man lief zusammen mit zig tausend gleichgesinnten durch die Gegend und ich habe es mit neuer persönlicher Bestzeit geschafft. Auch wenn ich deutlich unter meinem Ziel von 4:30 geblieben bin, so bin ich trotzdem froh und zufrieden mit dem Marathon. Und der nächste wartet schon 🙂

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